Das Dilemma des Kung Fu Schülers

Jeder, der Kung Fu unterrichtet, kennt wahrscheinlich diese Geschichte:. Schüler hören nach ein paar Jahren des Trainings
plötzlich auf, weil sie keine Fortschritte oder keine Erfolge mehr an sich erkennen. Was kann der Kung Fu-Lehrer hier tun?
Er kann ein Ratgeber sein, Hilfe geben. Doch eine Garantie, dass der Schüler weitermacht, ist das nicht.

Schüler-Typ1: die Sache mit der Motivation

Betrachtet man die Trainingslaufbahn manches Schülers, stellt man oft fest, dass er anfangs regelmäßig und häufig das Training besucht. Irgendwann erscheint er jedoch deutlich seltener. Da kann ein neuer Job verantwortlich sein, die neue Freundin – was auch immer. Darauf angesprochen, fallen Sätze wie „Ich mach das jetzt schon so lange und habe das Gefühl noch nichts zu können“. Der Hinweis, dass das Erkennen der eigenen Schwächen ein Fortschritt ist, verpufft häufig wirkungslos, denn im Inneren hat der Schüler seine Entscheidung bereits gefällt.

Es ist ein Stück weit verständlich: Da man zu Beginn natürlich schnellere und deutlichere Fortschritte macht, diese später dann aber subtiler werden, kann der Eindruck entstehen, dass man auf der Stelle tritt. Der Eindruck verstärkt sich, wenn dann noch die beschriebene Situation hinzukommt, dass das Training nicht mehr regelmäßig besucht wird. Die Folge; der Frust steigt und die Motivation ins Training zu gehen, sinkt. Und schon sieht sich der Schüler einem Dilemma gegenüber.
Gründe, warum es so ist, wie es ist, findet der Schüler natürlich genügend. Nur sehr selten sieht ein Schüler sich selbst in der Verantwortung und schafft es, diesem Dilemma zu entkommen. Der Kung Fu Lehrer kann hier mit Hilfe und Rat zur Seite stehen, motivieren und immer wieder erklären – manchmal hilft es.

Los gehts!

Schüler-Typ 2: das Problem, das ist alles Äußere

Weit aus schwieriger gestaltet sich ein anderer Typ Schüler. Es sind die, die im Kung Fu Training die Suche nach dem heiligen Gral der Unbesiegbarkeit sehen. Inspiriert von Film und Fernsehen beginnen sie ihr Training in der Vorstellung, so stark und unbesiegbar zu werden, wie einer dieser Filmhelden. Sehr schnell merken sie, dass dazu jede Menge harter Arbeit gehört. Da die Bereitschaft, diese zu leisten, dann aber doch nicht so ausgeprägt ist, wird das Training nicht allzu oft besucht. Mentale Aspekte, die untrennbar mit dem Kung Fu Training verbunden sind, werden als esoterischer Humbug
abgetan. Irgendwann wird auch dieser Schüler-Typ das Training beenden und seine Suche in einer anderen Schule fortsetzen.
Dort brennt dann erneut das Feuer der Begeisterung. Der neue Lehrer macht das ja alles viel besser. Der alte Lehrer konnte ja eh nichts und hatte wahrscheinlich sowieso alles selbst erfunden. Natürlich tut er das auch laut kund und, schlimmer noch, er versucht vielleicht Schüler aus der alten Schule abzuwerben.

Bruce Lee at avenue of star, Hong kong
Für viele Schüler ein Vorbild – Bruce Lee

Nach einiger Zeit ist jedoch auch in der neuen Schule die Luft raus. Also muss ein neuer Weg gefunden werden. Der Schüler hat selbstverständlich eine Erklärung parat, warum er seine Suche woanders fortsetzen muss, nämlich, weil Kung Fu eh nichts taugt und man damit nicht kämpfen kann. Als Beweis für seine Thesen präsentiert er eine Reihe von YouTube-Videos, auf denen,
zugegebenermaßen, das Kung Fu nicht gerade optimal repräsentiert wird. In Foren tritt er als selbsternannter Experte auf, der allen, egal, ob sie sie hören wollen oder nicht, seine professionelle Meinung kundtut. Andere, die ihm etwas erklären möchten und seine Thesen mühelos widerlegen, bezeichnet er als Spinner, die die Ehre ihres Stils verteidigen wollen. Das Problem: Er hat nicht ansatzweise zur Kenntnis genommen, was versucht wurde, ihm zu erklären. Über seine alten Lehrer und die praktizierten Stile äußert er sich abfällig und prahlt immer wieder mit seiner langen Erfahrung. Leider übersieht er dabei etwas: Nur weil man z. B. sechs Jahre in einer Kung Fu Schule angemeldet war, heißt das nicht automatisch, dass man auch sechs Jahre Kung Fu trainiert hat. Dazu müsste man nämlich ins Training kommen.

Ok, spätestens jetzt dürfte dem Leser klar sein, ich berichte hier von einer Erfahrung. Eine Erfahrung, die ihre Fortsetzung in einer Diskussion einem Forum nahm: Ein User erzählt, dass er viele Jahre Kung Fu trainiert hat und jetzt boxt, da man nur mit Boxen lernt, richtig zu kämpfen. Er erklärt lang und breit, warum das Boxen so viel besser ist und dass es den ganzen Unfug, den man im Kung Fu übt, im Boxen nicht gibt.

Two professional boxers fighting on arena in spotlights

Als sich ein anderer, im Boxen sehr erfahrener User in die Diskussion einschaltet und ihn darauf hinweist, dass es vieles
davon auch im Boxen gibt, nur unter anderen Begriffen, reagiert der ehemalige Schüler überheblich und rechthaberisch. Lange Rede, kurzer Sinn: Auf die Frage des erfahrenen Users, wie lange er denn schon boxt, kam die Antwort „ein paar Monate“. Nun, man kann nur raten, wie lange er es beim Boxen aushalten wird, bis er auch dort seine Erwartungen nicht erfüllt sieht.

Fazit

Das Grundproblem mancher Schüler liegt in der Unfähigkeit der Einsicht und in der Ablehnung der Verantwortung für sich und
ihr Training. Es ist die fehlende Erkenntnis, dass die äußeren Gegebenheiten nicht dafür da sind, den eigenen Erwartungen
und Vorstellungen zu entsprechen. Es ist die fehlende Akzeptanz, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind, auch, oder gerade wenn sie schwer oder frustrierend ist. Das Ego weigert sich, unvorein-genommen zu sein und bei sich selbst anzufangen, etwas zu verbessern oder zu ändern. Es sucht die Schuld im Äußeren, bei anderen.

Und wir Kung Fu-Lehrer? Wir sind zwar nicht unfehlbar, aber wir können helfen – mit Erfahrung. Nur lösen können wir das Problem nicht. Wir Kung Fu Lehrer sind zu vergleichen mit einem Wegweiser. Wir zeigen mögliche Wege, bieten auch für eine gewisse Strecke eine Begleitung an. Gehen, müssen die Schüler den Weg selbst.

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