Verhaltensbasierter Selbstschutz

Um sich effektiv gegen gewaltbereite Schläger zu schützen, genügt es nicht, ein paar Techniken zu lernen und diese in einer
entspannten Atmosphäre mit netten Trainingspartnern zu üben. Selbst regelmäßiges Sparring ist nur ein Baustein eines  realistischen Trainings. Damit eine realistische Chance gegen einen erfahrenen Schläger besteht, ist es unerlässlich, sich mit dem menschlichen Verhalten unter Stress auseinanderzusetzen.

Der Pionier des verhaltensorientierten Selbstschutzes ist zweifelsfrei Tony Blauer. Er schuf mit seinem S.P.E.A.R. System
(Spontaneous Protection Enabling Accelerated Response – Spontanen Schutz befähigende und beschleunigende Reaktion) das erste verhaltensbasierte Selbstschutzsystem. Was aber ist überhaupt verhaltensbasierter Selbstschutz?

Evolutionäres Erbe

Menschen handeln nach bestimmten Mustern. Sind sie entspannt und haben Zeit können sie mögliche Entscheidungen vergleichen,
Pro und Contra abwägen. Auf Basis dieser Überlegungen und Vergleiche und gemachter Erfahrungen, lässt sich verhältnismäßig
leicht entscheiden.
Was passiert aber, wenn massiver Stress und Zeitdruck die Situation bestimmt? Dann greift schnell der sogenannte „Fight or Flight Modus“, ein evolutionäres Relikt. Hierbei handelt es sich um einen Vorgang, bei dem der Organismus bestimmte Hormone freisetzt, die eine akute Leistungssteigerung veranlassen. Dadurch haben wir mehr Kraft zum kämpfen (Fight) oder können schneller laufen, um zu fliehen (Flight). Nachteil: die kognitiven Fähigkeiten sind massiv eingeschränkt. Auch die Feinmotorik ist praktisch nicht mehr vorhanden.

Stressed businessman with broken mechanism head screams

Ein Beispiel: Normalerweise ist das Aufschließen Ihrer Haustüre kein Problem. Wenn Sie gut drauf sind, werfen Sie den Schlüssel aus zehn Metern Entfernung zielsicher ins Schlüsselloch. Ok, etwas übertrieben, doch Sie wissen, was ich meine. Nun stellen Sie sich bitte das Ganze unter Zeitdruck vor. Besser noch, stellen Sie sich vor, sie müssten dringend zur Toilette. Plötzlich scheint das Schlüsselloch geschrumpft und der Schlüssel gewachsen zu sein. Die Hände Zittern, das Schlüsselloch scheint sich zu bewegen etc. Was Sie hier merken, sind die Auswirkungen des „Fight or Flight Modus“.
Wenngleich in harmloser Form. Um wie viel stärker treten diese Symptome auf, wenn wir zusätzlich massiv Angst haben vor einer konkreten Bedrohung?

Young abused woman defending with pray looking at camera with outstretched arm. Selective focus. Focus on background, on woman face.

Ein weiteres Beispiel: Sie fahren mit ihrem Auto eine Straße entlang. Plötzlich läuft ein Kind auf die Fahrbahn. Fangen Sie jetzt an zu überlegen, wie sie am besten reagieren? Eher nicht. Sehr wahrscheinlich werden Sie ohne zu überlegen sofort auf die Bremse steigen. Ein Automatismus.

Fakt ist: wir können keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ganz abgesehen davon, dass uns völlig die Zeit dazu fehlt. In diesem Moment übernimmt unser Instinkt bzw. das sogenannte Reptiliengehirn (der älteste Teil unseres Gehirns) die Führung. Sämtliche Handlungen geschehen automatisch und reflexartig.

Die Sache mit dem Automatismus

Übertragen wir das auf den Selbstschutz: In einer Notsituation können wir nicht überlegen, wir werden immer instinktiv und
automatisch handeln. Wenn Ihr Selbstverteidigungstraining also daraus besteht, Techniken auswendig zu lernen, ist das kein
Selbstverteidigungs-, sondern ein Selbstüberschätzungstraining.
Sie lernen verschiedene Blocktechniken. Eine gegen einen Angriff von rechts, eine gegen einen Angriff von links, einen Block nach oben und einen nach unten. Nicht zu vergessen, einen Block gegen Schwinger. Dann müssen sie natürlich noch lernen die verschiedenen Tritte abzuwehren. Und was wäre ein effektives Selbstverteidigungstraining ohne eine Vielzahl von eigenen
Angriffstechniken?  Gewürzt wird das Ganze dann noch mit eine paar Wurf- und Hebeltechniken. Moment, was ist wenn sie am
Boden liegen? Also auch noch Bodenkampf trainieren. Nach einiger Zeit haben sie ein stattliches Repertoire an Techniken aufgebaut und auch schon einige Gürtelprüfungen erfolgreich hinter sich gebracht. Sie haben ein entsprechendes Selbstbewusstsein entwickelt und treten auch entsprechend auf.

Two martial arts fighters practicing in nature

Und dann passiert es: Eines Abends macht Sie ein unangenehmer Zeitgenosse blöd an. Kein Problem, denken sie, obwohl Sie doch plötzlich ein leichtes Zittern Ihrer Knie spüren. Auch Ihr Mund ist plötzlich trocken. Aber kein Problem, Sie wissen, das kommt vom Adrenalin. Plötzlich greift der Übeltäter an und das nächste was Sie mitbekommen, ist, wie sie im Krankenhaus die Augen öffnen und der Arzt Ihnen die Verletzungen aufzählt, die Ihnen der Schläger zugefügt hat.

Portrait of male patient with black eye

Was war passiert? Warum haben sie keine der vielen Techniken eingesetzt, die sie bei den Gürtelprüfungen immer so erfolgreich vorgeführt haben?
Ganz einfach, sie wurden Opfer des …

… Cognitive override

Die vielen von Ihnen so mühsam trainierten Techniken hatten noch nicht den Weg in den Teil Ihres Gehirns gefunden, in dem die Automatismen gespeichert sind. Das war nicht möglich, da Sie keine davon so intensiv und lange geübt hatten, dass die Zeit und Wiederholungen ausreichend dafür gewesen wären. Kaum hatten sie eine Prüfung bestanden, begannen Sie mit dem Training neuer Techniken, die für die nächste Gürtelprüfung benötigt wurden.
Als Sie im „Fight or Flight Modus“ waren, wurden all diese schönen Techniken einfach von ihren automatisch und instinktiv ausgeführten Bewegungen „überschrieben“. Da Sie leider nie gelernt haben, diese geübten Techniken zu Ihrem Schutz zu nutzen, ging das ganze gehörig in die Hose. Was also tun?

Hier setzt  der verhaltensbasierte Selbstschutz an. Er nutzt genau diese instinktiven, grobmotorischen Bewegungen, um sich vor einen Angriff zu schützen. Diese Bewegungen können nicht überschrieben werden, da sie in uns angelegt sind. Deshalb konzentrieren wir uns im Training nicht auf Techniken, sondern auf die Entwicklung sogenannter „Combatives“. Unter Combatives versteht man die Fähigkeiten, die nötig sind, eine körperliche Auseinandersetzung so unbeschadet wie möglich zu überstehen. Dabei definieren sich Combatives über Prinzipien und Taktiken und nicht über Techniken.

Startle flinch

Stellen Sie sich bitte vor, Sie laufen gemütlich die Straße entlang, plötzlich sehen Sie gerade noch aus dem Augenwinkel, dass von der Seite etwas sehr schnell auf Sie zukommt. Sie werden erschrecken und sofort Ihre Arme zum Schutz nach oben reißen. Das ist ein Startle flinch oder auch Startle Response.

Abwehr
Startle flinch

So wird die  Schutz-bewegung genannt, die wir ausführen, wenn wir vor Schreck zusammenzucken. Das ist ein natürlicher Mechanismus, den wir, wie oben bereits beschrieben, zu unserem Schutz bei einer kämpferischen Auseinandersetzung nutzen können. Wir modellieren die Bewegung so, dass sie wie eine sichere und effektive Schutzbewegung gegen die meisten Angriffe funktioniert.

Pre Fight Cues

Bevor eine körperliche Attacke startet, sendet der Angreifer unwillkürlich Signale aus, sogenannte Pre Fight Cues
(Vor-Kampf-Hinweise). Durch das Training lernen wir, diese wahrzunehmen. Wir können dadurch handeln und dem eigentlichen
Angriff zuvorkommen.

Wie können diese Hinweise aussehen?

  • Gewichtsverlagerung
    Der Angreifer versetzt sein Bein oder verlagert sein Gewicht, um seinen Angriff vorzubereiten.
  • Übertriebene Bewegungen
    Der Angreifer gestikuliert wild mit seinen Armen. Dies soll seinen Angriff verschleiern.
  • Aufmerksamkeit ablenken
    Der Angreifer versucht, unsere Aufmerksamkeit abzulenken bzw. sie einzuschläfern, indem er sich entschuldigt und uns seine
    Hand entgegenreicht. Oder er wendet sich ab, als ob er gehen möchte. Das können alles Vorbereitungen für seinen Angriff
    sein.

Ökonomie

Schon 1952 hat William E. Hick* herausgefunden, dass es einen Zusammenhang gibt, zwischen der Reaktionszeit und der Anzahl
von Wahlmöglichkeiten. So verlängert sich die Reaktionszeit exponentiell zur Anzahl der Wahlmöglichkeiten. Je größer die Zahl an Abwehrmöglichkeiten ist, um die passende zu einem akuten Angriff auszuwählen, desto mehr ist das Vorgehen zum Scheitern verurteilt. Hinzu kommt noch das beschriebene Phänomen des Cognitive override.

Deshalb beschränken wir uns auf eine einfache Lösung, die gegen die meisten Angriffe hervorragend funktioniert:
verhaltensbasierter Selbstschutz.

 

* William Hicks war ein britischer Arzt und gilt als Pionier der Experimentellen Psychologie

Ein Gedanke zu „Verhaltensbasierter Selbstschutz“

  1. Ich war letztes Wochenende auf dem Übungsworkshop zum StaySafe und muss sagen, es sind wirklich einfache zu lernende aber trotzdem sehr effektive Bewegungen. Alles sehr nah am natürlichen Reflex mit erschreckend wenig Techniken. Gerade das Training unter „Stressfaktoren“ fand ich recht wirkungsvoll,weil der Kopf ausgeschaltet wird und sich schnell zeigt, was wirklich funktioniert. Abgesehen davon hat es Spaß gemacht, an seine Grenzen und sogar ein Stück darüber hinaus geführt zu werden:-) Weiter so!

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