Mensch ärgere dich nicht

Beobachtet man seine Mitmenschen, stellt man fest, dass viele dazu neigen, sich sehr häufig und voller Inbrunst über irgendetwas zu ärgern. Dabei merken sie nicht, wie dieser Ärger Kraft raubt und sogar krank macht. Ich möchte zeigen, wie es mit Hilfe der Shaolin-Philosophie zu schaffen ist, sich weniger zu ärgern und dadurch die Lebensqualität zu steigern.

Oftmals sind es Nichtigkeiten, über die wir uns besonders aufregen und ärgern, während die tatsächlichen Ärgernisse spurlos an uns vorüberziehen. Doch was bringt uns eigentlich dazu, uns zu ärgern? In den meisten Fällen ärgern wir uns, wenn unsere Vorstellungen, die wir von einer Person, Sache oder Situation haben, nicht eintreten.
Liegt somit die Verantwortung dafür, dass wir uns ärgern, womöglich bei uns selbst?
Jetzt wird wohl dem einen oder anderen Leser reflexartig das Wort „Blödsinn“, gepaart mit einem Anflug von Ärger in den Sinn kommen. Und schon sind wir beim Thema.

Angry driver shouting in his car

Die Sache mit der Erwartung

Niemand erwartet, dass er meistens den eigenen Ärger selbst verantwortet. In den meisten Fällen ist es aber tatsächlich so: Unsere eigene Erwartung wird nicht erfüllt, und den Ärger darüber projizieren wir auf die Person, Sache oder Situation, die diese Erwartung nicht erfüllt hat. Warum? Weil wir enttäuscht wurden. Unsere Erwartung gleicht einer Täuschung, der wir auf den Leim gehen. Ich spreche hier nicht davon, dass uns eine Person bewusst täuscht, sondern von einer Täuschung, die wir uns selbst antun.
Wenn ich etwas erwarte, unterliege ich der Täuschung, dass etwas genauso eintritt oder eine Person sich so verhält, wie ich es mir vorstelle. Tritt diese Situation nicht ein, oder verhält sich die Person anders, dann werde ich Ent-täuscht, d. h., meine Täuschung endet. Was wir verstehen müssen, ist, dass wir es selbst sind, der uns täuscht.

Erwartung erwächst aus Erfahrung

„Das machst Du immer so!“, „Nie bringst Du den Müll raus!“ oder „Ständig kommst Du zu spät!“ sind sogenannte Generalisierungen. Generalisierung ist einer unserer Filter, durch die wir die Welt sehen. Dazu muss man wissen, dass wir die Welt durch eine Reihe von Filtern betrachten. Einige dieser Filter sind evolutionär in uns angelegt, einige wurden uns anerzogen und einige sind abhängig von unserem jeweiligen Gemütszustand. Die Generalisierung ist evolutionär in uns angelegt. Dieser Filter hilft uns, bestimmte Erfahrungen nicht permanent erneut machen zu müssen.
Beispiel heiße Herdplatte: Berühren wir einmal eine heiße Herdplatte, wissen wir auch für die Zukunft, dass das Schmerzen bereitet. Wir müssen uns also nicht jedes Mal erneut die Finger verbrennen, um diese Erfahrung zu bestätigen. Wir generalisieren, dass es immer Schmerzen bereitet, wenn wir auf die heiße Herdplatte fassen und lassen es in Zukunft. Diesen Filter wenden wir auch auf alle anderen Lebensbereiche an, mit dem Ergebnis, dass wir auch wandelbare Vorgänge generalisieren. Daraus können natürlich Irrtümer resultieren, was in uns Frust auslöst, der wiederum dazu führt, dass wir uns ärgern.

herdplatte 2

Eine Möglichkeit, aus diesem Verhalten herauszukommen, ist, diesen Filter z. B. beim Umgang mit Menschen bewusst und vorsichtig einzusetzen. Dazu ist es hilfreich, zuerst einmal zu akzeptieren, dass es diese Filter gibt und wir „da draußen“ eben nicht die objektive Wirklichkeit wahrnehmen.

Emotionen

Weitere gewaltige Filter sind unsere Emotionen. Diese können unseren Blick auf bestimmte Personen, Sachen oder Situationen sehr stark beeinflussen und zwar negativ wie positiv.

Ein Beispiel, welches wohl jeder kennt: das frisch verliebt sein. Die ganze Welt ist rosarot. Selbst der nervige Kollege ist plötzlich ganz nett. Hier verändert eine positive Emotion (Liebe) unseren Blick auf die Welt. Warum ist das so? In dieser Phase sind wir völlig in einer, in diesem Fall positiven Emotion. Wir denken weniger rational und fühlen mehr. Das Vertrauen in unser Bauchgefühl ist felsenfest. Liebe ist Vertrauen. Eine Person, die vertraut, erwartet nicht. Es können in diesem Moment also keine Erwartungen enttäuscht werden.

herbst paar im wald

Eine weitere, Emotion ist Dankbarkeit, eine Emotion, die wir bewusst und mit etwas Übung aus uns selbst heraus erzeugen können. Dazu eine kleine Übung: Schreibe fünf Punkte auf, für die Du dankbar bist. Das muss nicht unbedingt etwas Materielles sein. Im Gegenteil: Viel zu oft verlieren wir den Wert des Alltäglichen aus den Augen. Wir suchen unser Glück und unsere Zufriedenheit viel eher im Äußeren und in materiellen Dingen. Leider ist das zwangsläufig nur von kurzer Dauer und schon bald sind wir erneut „auf der Jagd“ und wollen mehr und mehr davon.

Young woman showing her heartfelt gratitude and thanks clasping her hands to her heart with a pleased smile

Dies bringt uns zu einer anderen negativen Emotion, der Gier. Der Shaolin-Philosophie zufolge gibt es drei schädigende Emotionen:

● Angst
● Gier und
● Verwirrung

Diese drei Emotionen sind, neben unseren Erwartungen, die hauptsächlichen Auslöser von Ärger. Die gute Nachricht: Wir können lernen, diese Emotionen zu kontrollieren und unter Umständen und mit viel Übung zu transformieren.
So wird
● Angst zu Vertrauen und Entschlossenheit,
● Gier zu Kontrolle und
● Verwirrung zu Klarheit und Konzentration auf das Hier und Jetzt.

Schuld sind immer die anderen

Eine andere kleine Übung: Denke an eine Person, die Du absolut nicht ausstehen kannst. Wenn es keine solche Person in Deinem Leben gibt, Glückwunsch. Nimm dann eine Figur aus Film oder TV. Jetzt stelle Dir bitte die Frage, was genau Dich an dieser Person abstößt. Vorsicht, diese Übung erfordert Mut und Ehrlichkeit. Gehe  jetzt in dich, findest Du vielleicht Teile dessen, was Dich beim anderen abstößt, auch bei Dir?
Oftmals ist es so, dass das, was wir bei anderen ablehnen, eigentlich Wesenszüge sind, die wir an uns selbst kennen und eigentlich nicht haben wollen. Wir lehnen also nicht wirklich die andere Person ab, sondern nur das Verhalten, dass sie uns spiegelt.
Schwere Kost, nicht wahr? Und damit sind wir bei einem weiteren wichtigen Punkt zur Vermeidung von Ärger – Eigenverantwortung. Wenn wir effizient Ärger vermeiden wollen, führt kein Weg daran vorbei, die totale Verantwortung für unsere Taten, Worte und Gedanken zu übernehmen. Ich spreche von Verantwortung, nicht Schuld! Schuldzuweisungen, egal in welche Richtung, helfen niemandem.

Die Welt ist unser Spiegel

Voraussetzung, sich in Zukunft weniger zu ärgern, ist, diesen Gedanken zu akzeptieren. Wenn wir also akzeptieren, dass die Umstände, die uns ärgern, oftmals die Resonanz auf unser eigenes Verhalten ist, können wir die Verantwortung übernehmen und dieses eigene Verhalten modifizieren. Das mag uns sicherlich nicht immer gelingen, doch wenn wir uns nur noch halb so oft ärgern wie früher und den Ärger auch nicht mehr so lange mit uns herumtragen, ist schon vieles gewonnen.

Übe beispielsweise jeden Tag Freundlichkeit (ein Bestandteil von Liebe). Wünschen morgens der Verkäuferin beim Bäcker doch einfach mal einen schönen Tag. Begegne Deinen Mitmenschen mit einem Lächeln. Und lasse Dich nicht von denen entmutigen, die es nicht erwidern. Die sind einfach noch nicht so weit wie Du. Sei  sozusagen deren Lehrer.

Shopkeeper or saleswoman in bakery hand bag of bread to customer

Wichtig! Du musst es ehrlich meinen. Das Lächeln darf nicht aufgesetzt sein. Menschen merken das sehr schnell. Speichere einen Gedanken oder eine Erinnerung, die Dich zum Lächeln bringt, in Deinem Gedächtnis ab, und rufe diesen Gedanken immer dann ab, wenn es mit dem Lächeln mal nicht so klappen mag.

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“
Mahatma Gandhi

Tipp

Solltest Du Dich mal wieder so richtig ärgern, gibt es mehrere Möglichkeiten der Wutfalle zu entkommen.

  • Lies einen Witz. Vielleicht auch zwei oder drei. Es klappt vielleicht nicht gleich beim ersten. Durch das Lachen wird die Wut besiegt.
  • Sperre Dich irgendwo ein (z. B. Toilette) und lächle. Zuerst ist es wahrscheinlich nur eine Grimasse, aber es sieht Dich ja keiner. Durch das Lächeln drücken bestimmte Gesichtsmuskeln auf Nerven, die wiederum bestimmte (Glücks-) Hormone freisetzen. Diese Hormone beseitigen die Stresshormone, welche durch die Ärgerreaktion freigesetzt wurden.
  • Du kannst alles auch aufschreiben, wenn Du es nicht so mit dem Reden hast. Wichtig! Nachdem Du alles aufgeschrieben hast, zerknülle das Geschriebene und wirf es weg.

Fazit

Ärger gehört zum Leben. Ausgelöst wird er oftmals einfach durch uns selbst – durch unsere Erwartungen, Generalisierungen, unsere Emotionen und andere Filter im Kopf. Und meistens passiert das sehr unbewusst. Doch wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert. Wir können entscheiden, wie sehr uns dieser Ärger einnimmt. Wir können entscheiden, ob er unsere Lebensqualität mindert. Mit bewusster Wahrnehmung, der Akzeptanz unseres eigenen (Fehl)verhaltens und mehr Eigenverantwortung.

Werde zum Gestalter Deiner eigenen positiven Zukunft.

Ein Gedanke zu „Mensch ärgere dich nicht“

Schreibe einen Kommentar