Messerkampf ist anders

Eben hatte mich der Mann noch freundlich angelächelt, doch im nächsten Moment blitzte keine 30 Zentimeter vor meinem Gesicht sein Messer auf.
Ich erstarrte…
…und hier wäre die Geschichte zu Ende, wenn der Mann wirklich zugestochen hätte.

Erfahrungsbericht von Jörn Knauer           


Zum Glück spielte sich diese Situation im Ta Mo Zentrum bei der ersten Partnerübung des Wochenendseminars zur Verteidigung realistischer Messerangriffe ab. Zum Glück war mein Gegenüber ein sympathischer und geduldiger Schwarzgurt. Doch was, wenn mir diese Blockade bei einem wirklichen Messerangriff passiert wäre?
Alle Prinzipien des Kung Fu, die ich mir in den letzten 20 Jahren angeeignet zu haben glaubte, waren auf einmal weg – keine Vorwärtsenergie, kein Schneiden, kein Kontrollieren… Und alles, obwohl ich wusste, dass in dieser Übungssituation keinerlei Gefahr für mich bestand. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass dieses Seminar genau das richtige für mich war.

Wer einen Messerangriff abwehren will, sollte ein Gefühl für das Messer haben. Unter dieser Devise stand der erste Vormittag des Seminars. Ausgestattet mit relativ großen Sparringmessern aus leichtem Holz übten wir paarweise Bewegungsabläufe ein, um verschiedene Messerangriffe mit einem Messer abzuwehren. Angriff von links, Angriff von rechts, Angriff zentral, Angriff von links, Angriff von rechts, Angriff zentral… links, rechts, zentral… immer wieder… mal langsamer, mal schneller und manchmal variiert…

Bei der Verteidigung mit dem Oberkörper nach vorne und gleichzeitig in der Hüfte absinken, damit wir unseren Bauch aus der Gefahrenzone nehmen… immer wieder… Und dabei filetieren wir nach und nach den Messerarm des Angreifers.

 

Es funktionierte. Ich bekam ein Gefühl für das Messer. Und nicht nur das. Meine Unterarme bekamen ebenfalls ein Gefühl für das Messer. Bei jedem Angriff meinerseits traf mich die Holzklinge meines Gegenübers. Aus anfänglich vereinzelten rötlichen Stellen wurde so langsam ein durchgehendes tiefes Rot.
Ging das nur mir so oder war das normal? Ich blickte mich in der Gruppe um. Gut, einer der Teilnehmer hatte einen Unterarmschutz angelegt, eine andere Teilnehmerin hatte sich für ein langärmliches Oberteil entschieden, aber auch alle anderen schienen keine Probleme zu haben. Dann lag es wohl an mir und meiner mangelnden Praxis. Zwei Mal im Jahr ein Wochenende Kung Fu ist zwar besser als nichts, aber der eigentlichen Bedeutung von Kung Fu – Immer Üben – entspricht es nicht. Das hatte ich nun davon. Da musste ich jetzt durch. Manchmal tut die Wahrheit eben weh. Und wieder links, rechts, zentral… Die Mittagspause rettete mich.

Am Nachmittag wurde es etwas angenehmer für meine Unterarme, denn nun übten wir Bewegungsabläufe für die Verteidigung ohne Messer. Was sich am Vormittag schon angedeutet hatte, wurde jetzt noch offensichtlicher: Messerkampf ist anders. Nicht komplett, natürlich. Viele Prinzipien des Kung Fu gelten im waffenlosen Kampf genauso wie im Kampf gegen bewaffnete Angreifer. Doch während man bei einem Angriff ohne Waffen getrost sagen kann, ‚nicht der Arm des Angreifers ist gefährlich, sondern der Gegner‘, verschiebt sich der Fokus, wenn eine Waffe im Spiel ist.
Beim Kampf ohne Waffen achte ich zum Beispiel darauf, meine Hände nicht zu überkreuzen, damit ich den Gegner nicht dazu einlade, mich zu fesseln. Bei der Abwehr eines geraden Messerstoßes hingegen führe ich mit meinen Armen eine gegenläufige Bewegung aus, bei der ich den Messerarm des Angreifers gleichzeitig mit links ablenke und mit rechts schneide.

Noch deutlicher wurden die Unterschiede, als wir die Bewegungsabläufe bei der Verteidigung von seitlichen Messerattacken übten. Bei einem Angriff von links ist eine Verteidigung mit unserem linken Arm nicht sicher. Nur, wenn wir mit unserem rechten Arm abwehren, vergrößern wir bei entsprechender Haltung die Distanz zu unserem Körper. Die rechte Faust des Gegners könnte hier theoretisch zur Gefahr werden, aber zum einen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Messerstecher ebenfalls auf sein Messer fixiert ist, und zum anderen verharren wir ja nicht reglos
in dieser Position.
Am Ende dieses informativen und intensiven ersten Seminartags versorgte mich unser Sifu noch mit einem chinesischen Wunderspray gegen Blutergüsse und trotz meiner rot leuchtenden Unterarme freute ich mich auf den nächsten Tag.

Dieser begann mit Schmerzen, als wir die Übungen des Vortags wiederholten. Ich weiß nicht mehr, wo ich es gelesen habe, dass sich Schmerzen irgendwann in Lust verwandeln. Bei mir jedenfalls verwandelten sich meine Schmerzen in größere Schmerzen bei jeder noch so kleinen Berührung. Aber ich war ja nicht zum Spaß hier. Deshalb hieß es für mich, den Schmerz anzunehmen und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: das Wesentliche.

Bei einem realistischen Messerangriff werde ich das Messer wahrscheinlich erst sehr spät sehen.
Wenn ich das Glück habe, es rechtzeitig zu sehen, heißt es für mich, mich und je nach Situation auch andere in Sicherheit zu bringen. Nur wenn ich keine Gelegenheit habe wegzukommen oder
wenn ich eine andere Person schützen muss, nur dann wende ich die Verteidigung gegen den Messerangriff an.

Wo ist das Messer?

Wie schwer es ist, den Messerarm bei einem schnell geführten Angriff aus kurzer Distanz zu kontrollieren, sahen wir bei Übungen mit Papiermessern. Wenn der Angreifer dann noch mehrmals hintereinander schnell und heftig auf uns einstach, war es so gut wie unmöglich, den Messerarm zu greifen. Gesteigert wurde die Intensität dieser Übung noch, indem der Angreifer sein Messer hinter dem Rücken zog und wir nicht wussten, ob er mit links oder rechts zustoßen würde. Einige verbogene Papiermesser später war jedem von uns klar, wir werden den Messerarm im Ernstfall nicht mit unserer Hand greifen können.

Was uns retten kann, ist ein Bewegungsablauf mit gekreuzten Unterarmen, der den Stoß abfängt. Diese Bewegung, kombiniert mit entschlossenster Vorwärtsenergie, bei der wir mit unserer Schulter in den Gegner hineingehen und gleichzeitig seinen Messerarm an Handballen und Ellenbogen fixieren, kann uns die Situation lösen lassen. Wohlgemerkt ‚kann‘, denn in falscher Sicherheit sollten wir uns nicht wiegen. Ein Angriff mit dem Messer ist immer ein Angriff auf unser Leben. Diesem Angriff stelle ich mich nur, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, aus der Situation herauszukommen. Sollte dies der Fall sein, dann gehe ich jedoch nach vorn mit allem, was ich habe. Nur so kann ich verhindern, dass der Gegner mehrmals zusticht. Nur so schaffe ich es, das Heft des Handelns zu übernehmen.

 

Für mich persönlich gab es an diesem Übungstag zwei Erkenntnisse, die mir den Mut geben, eine solche Extremsituation zu überstehen. Die erste ist die Position, die wir einnehmen, falls wir das Messer rechtzeitig sehen und dem Kampf nicht ausweichen können. Bei dieser Position schütze ich unter anderem mit einer Hand meinen Hals und mit dem anderen Unterarm meinen Bauch.
Weit wichtiger als diese Schutzfunktion ist für mich allerdings die Triggerfunktion. Denn sobald ich diese spezielle Körperhaltung eingenommen habe, bin ich im Messerverteidigungsmodus mit der
dafür nötigen Energie. Mein Körper erinnert sich an die geübten Bewegungsabläufe und agiert.
Eine Blockade wie in der allerersten Übung des Seminars wird es mit dieser Position nicht mehr geben. Dessen bin ich mir sicher und dafür bin ich mehr als dankbar.
Die zweite Erkenntnis hat mit dem ersten Kontakt zu tun. Sobald ich mit meinen gekreuzten Unterarmen Kontakt zum Messerarm des Gegners habe, kann ich sogar die Augen schließen.
Mein Körper weiß, was zu tun ist. Ich spüre, greife, blockiere und kontrolliere automatisch. Auch für diese Erkenntnis bin ich dankbar, denn ich sie zeigt mir, dass dieses Seminar erfolgreich war.
Mit dieser Dankbarkeit, gepaart mit dem Wunsch, das Gelernte niemals abrufen zu müssen, freue ich mich auf das nächste Seminar im TA MO Zentrum. Noch ein paar Spritzer des chinesischen
Wundersprays und eine Woche lange Ärmel in der Arbeit und auch meinen Unterarmen geht es wieder gut.

Nur eines möchte ich zum Schluss noch anmerken: Ich werde es nicht bei diesem Wochenende belassen sondern das Gelernte immer wieder üben. Denn wie unser Sifu so schön sagt: „It’s not a trick, ist Kung Fu!“ Und Kung Fu heißt ja bekanntlich ‚Immer Üben‘.

Jörn K. (mit Weste)

Ich danke Jörn für seinen Erfahrungsbericht über unser Stay Safe Self-Protection Concept Messer Seminar.

 

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