Die zehn größten Mythen über Selbstverteidigung

In meinen vergangenen Beiträgen habe ich hin und wieder auf den teilweise hanebüchenen und gefährlichen Unsinn hingewiesen, der in einigen Schulen oder Kursen als effektive Selbstverteidigung unterrichtet wird. In diesem Beitrag fasse ich nun meine zehn größten Mythen über Selbstverteidigung zusammen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Sie entstammen meiner über zwanzig Jahre dauernden Arbeit als Selbstschutztrainer.

Mythos 1: Ich kann jemanden töten, indem ich ihm das Nasenbein ins Gehirn schiebe

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Teilnehmer meiner Kurse das tatsächlich glauben. Natürlich ist es nicht möglich einen Menschen zu töten, indem man von unten gegen seine Nase schlägt und ihm dadurch das Nasenbein ins Gehirn treibt. Schon anatomisch nicht. Das Nasenbein macht nur einen kleinen Teil der Nase aus, der Rest ist Knorpel. Zudem ist das Nasenbein fest mit dem Schädel verwachsen. Wenn ihnen also wieder einmal jemand von der Gefährlichkeit dieses Schlags erzählt, schenken sie ihm ein Lächeln und trainieren weiter – am Besten in einer anderen Schule.

Mythos 2: Ein schwarzer Gürtel macht unbesiegbar

Es ist sicherlich ein bedeutsamer Abschnitt in einem Kampfsportleben, wenn man den schwarzen Gürtel erreicht. Doch sagt dies über die tatsächliche Selbstverteidigungsfähigkeit des Trägers rein gar nichts aus. Den schwarzen Gürtel erhält man zwar erst nach Jahren des Trainings, aber eben eines sportlichen Trainings.

Man zählt mit dem Schwarzgurt übrigens noch keinesfalls zu den Meistern, sondern nur zu den Fortgeschrittenen. Ein Träger des Schwarzgurtes beherrscht die Grundschule seines Stils und mehrere Formen (Kata, Hyong o.ä.) des von ihm praktizierten Stils, mehr nicht. Ein Schwarzgurt macht niemanden zum „Superfighter“.

Mythos 3: Man kann einen Angreifer mit einem Hebel kontrollieren

Dieser Mythos ist in zweifacher Weise gefährlich. Einmal für den, der ihn glaubt und versucht anzuwenden und einmal für den, der weiß, dass es sich um einen Mythos handelt und ihn nicht anwendet, danach jedoch an einen Richter und Staatsanwalt gerät, die beide von der Wahrhaftigkeit dieses Mythos überzeugt sind.

Vergessen sie Hebeltechniken in der Selbstverteidigung. Haben sie schon mal eine Festnahme erlebt? Da stürzen sich beispielsweise vier bis fünf Polizisten auf einen Festzunehmenden und haben dennoch Schwierigkeiten, diesen ruhig zu stellen.

https://www.youtube.com/watch?v=XjIZTmcYY7o

https://www.youtube.com/watch?v=9tULAJcpWfw

Stellen sie sich bitte vor, wie ein wahrscheinlich körperlich überlegener Angreifer wie ein wilder Stier auf sie losgeht. Mit nur einem Ziel, nämlich sie „platt zu machen“. Sie nehmen dann die Kraft des Angreifers und nutzen Sie für eine Hebeltechnik, oder? Nein! Sollten Sie das ernsthaft versuchen, werden Sie tatsächlich „platt gemacht“.
Wenn ich sogenannte Experten sehe, die in ihren weißen, manchmal auch schwarzen Anzügen und schwarzen Gürteln ihren Schülern beibringen, wie sie körperlich überlegene Angreifer mit Hebeltechniken kontrollieren können, denke ich mir gerne, dass die Ärmel ihrer Jacken länger sein und am Rücken verknotet sein sollten. So etwas als effektive Selbstverteidigung zu unterrichten, ist grob fahrlässig.

Mythos 4: Fallschule schützt mich bei Stürzen

Viele Leute sind der Meinung, dass die Fallschule, wie sie z. B. im Judo oder Ju Jutsu unterrichtet wird bei Stürzen vor Verletzungen schützen würde. Manchmal ist jedoch eher das Gegenteil der Fall. Diese Fallschule wurde entwickelt, damit man auf den Tatami (Reisstrohmatte) Würfe für den Partner ungefährlich üben konnte. Mal abgesehen vom Abrollen, sollte man diese Fallschule niemals auf Asphalt anwenden, wenn man keine schweren Prellungen oder Knochenbrüche riskieren möchte. Fallschule ist eine Übungshilfe und kein Schutz.

Mythos 5: Fauststöße zum Kopf

Sind sie der Meinung, dass Boxer dicke Handschuhe zum Schutz für den Gegner tragen? Das ist nicht der vorrangige Grund. Boxer bekommen die Hände und Handgelenke bandagiert und tragen die dicken Handschuhe zum Schutz ihrer eigenen Hände. Und trotzdem passiert es, dass sich selbst Profiboxer beim Kampf die Hand brechen.

Wie sinnvoll erscheint es ihnen jetzt mit der bloßen Faust von vorne gegen das harte Kinn ihres Angreifers zu schlagen?

Gerade Fauststöße gegen den Kopf haben ein derart hohes Verletzungsrisiko, dass sie in der effektiven Selbstverteidigung nichts zu suchen haben.

Mythos 6: Ich muss meinen Angreifer dreimal warnen, dass ich Kampfsport betreibe

Dieser Mythos ist so albern wie er gefährlich und falsch ist. Nirgendwo steht geschrieben, dass ich einen Angreifer dreimal davor warnen muss, dass ich Kampfsport betreibe. Sie können gerne selbst im Gesetz nachsehen.
https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__32.html
Mal ganz davon abgesehen, dass Sie in einer Selbstverteidigungssituation überhaupt nicht die Zeit haben, dreimal vorzuwarnen, wäre dies überaus gefährlich. Es kann nämlich dazu führen, dass der Angreifer nun nur noch brutaler und rücksichtsloser vorgeht, da er mit Gegenwehr rechnet, oder er fühlt sich provoziert, was zum gleichen Ergebnis führt. Warnen Sie vielleicht mit zittriger Stimme, weil sie gerade die Hosen voll haben, wird dies beim Angreifer wohl eher Siegessicherheit hervorrufen.
Sie müssen nicht und sollten auf keinen Fall vorwarnen! Lassen Sie den Angreifer in das offene Messer Ihres Gegenangriffs laufen. Aber bitte nur sprichwörtlich. Denn dann machen Sie sich etwas zunutze, was Experten und Polizei „Tatschockumkehr“ nennen.

Mythos 7: 70 – 80 Prozent aller Kämpfe enden am Boden

Ich behaupte sogar, dass 100% aller richtigen Kämpfe am Boden enden, jedoch nur für einen Beteiligten. Der sollten allerdings nicht Sie sein. Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstand in den USA ein neues und damals revolutionäres Kampfkonzept, die Ultimate Fighting Championship (UFC). Bei dieser Veranstaltung konnten Kämpfer aller Stile (fast) ohne Regeln gegeneinander antreten und ihr Können gegen Vertreter anderer Stile testen.

Im Zuge dieser Veranstaltungen wurde eine Familie und ihr Stil weltbekannt, die Gracie Familie und ihr Brazilian Jiu Jitsu. Royce Gracie dominierte die ersten UFC deutlich mit seiner Strategie, seine Gegner schnellstmöglich zu Boden zu bringen. Dort waren sie ihm hilflos ausgeliefert. Selbst größere und deutlich schwerere Gegner bezwang er auf diese Weise. Ab dem fünften UFC kamen dann die ersten Mischstile auf, die Mixed Martial Arts (MMA) waren geboren und minderten etwas die Dominanz der Gracie Brüder. Im Zuge der UFC entwickelte sich ein wahrer Bodenkampf-Hype, hatten die Gracie Brüder doch gezeigt wie effektiv Bodenkampf sein kann. Und das ist er auch, aber nicht auf der Straße. Auf der Straße wissen Sie nicht, ob der Angreifer noch ein paar Freunde dabei hat, die Ihnen ohne Skrupel gegen den Kopf treten, während sie ihren Angreifer gerade am Boden „verschnüren“.

Bodenkampf muss selbstverständlich in einem effektiven SV Training behandelt werden. Dazu ist es extrem hilfreich, auch mit Bodenkampfexperten zu trainieren, aber einzig mit dem Ziel, schnellstmöglich wieder auf die Beine zu kommen.

Mythos 8: Ich besuche einen Wochenendkurs und lerne ein paar Tricks

Häufig erlebe ich die Situation, dass Leute, die von meinem Beruf erfahren, mich bitten, ihnen ein paar Tricks zu zeigen. Viele verstehen nicht, dass es solche Tricks nicht gibt und einzelne Techniken sowieso nichts bringen. Auch die Dauer der benötigten Trainingszeit wird fast immer unterschätzt. Unterstützt wird dieser Mythos noch zusätzlich durch TV-Berichte, bei denen Mitarbeiter zu einem Selbstverteidigungsseminar geschickt wird, die nach ein paar Minuten Training  freudestrahlend berichten, dass sie sich jetzt schon viel sicherer fühlen. Sie werden jedoch das meiste am nächsten Tag vergessen haben, da sich in so kurzer Zeit keine Automatismen bilden. Doch davon abgesehen, ist dies ein trügerisches Gefühl, das im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass die betroffene Person unvorsichtig wird und Gefahren falsch einschätzt, denn sie ist ja von ihren „eingebildeten“ Fähigkeiten überzeugt.

Mythos 9:  Dim Mak, die tödlichen Punkte

Vor einiger Zeit erhielt ich von Facebook eine Werbeanzeige für ein Selbstverteidigungsseminar mit Dim Mak-Techniken. Da wurde ausgiebig erklärt, dass man mit dieser Methode keinerlei Kraft oder Fitness benötige und sich die Techniken und Punkte innerhalb kürzester Zeit lernen ließen. Leider gibt es viele Personen, die auf so etwas hereinfallen. YouTube ist voll mit Videos von sogenannten Dim Mak-Meistern, bei denen deutlich wird, was für ein Nonsens das ist. Da lassen diese „Meister“ ihre Schüler reihenweise nach einer leichten Berührung in Ohnmacht fallen.

https://www.youtube.com/watch?v=_Z0_n7tGnK0

Gegen reale Angreifer konnte dies jedoch noch keiner zeigen. Hier werden die Gutgläubigkeit und die Faulheit der Menschen ausgenutzt.

https://www.youtube.com/watch?v=dOOh2J1b3lQ

Effektives Selbstverteidigungstraining ist anstrengend, fordernd und manchmal auch schmerzhaft und unangenehm. Doch dies ist der einzige Weg, um ein gewisses Maß an Schutz aufzubauen. Meiden sie sogenannte Experten, die ihnen erzählen wollen, dass Selbstverteidigung mühelos gelingt. Das ist nämlich unmöglich.

Mythos 10: Eine Frau hat gegen einen Mann sowieso keine Chance

Manchmal scheint mir, die größte Angst der Männer ist es, dass sich Frauen ihrer Stärke bewusst werden. Wenn ich permanent einrede, was heutzutage noch viel zu oft von Klein auf getan wird, dass Frauen schwach sind und gegen einen Mann keine Chance haben, so wird dies für die meisten Frauen zur Realität.

In meinen Kursen zeige ich daher den Teilnehmerinnen, wie sie ihren Körper effizient einsetzen und die Kraft des Angreifers tatsächlich nutzen können. Auch zeige ich, dass jeder Mann, unabhängig von seiner Größe und seines Körperbaus, schmerzempfindliche und verletzliche Stellen hat. Ich versuche die Teilnehmerinnen in ihrer Kraft zu bestätigen und sie diese spüren zu lassen.

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