Yi Jin Jing – Übungen Teil 5

Das Schöne am Qi Gung ist, dass man es ein Leben lang üben kann. Entschließt man sich allerdings, Qi Gung zu lernen und zu praktizieren, sollte man sich klar machen, dass sich Erfolge nur einstellen, wenn man dauerhaft übt.

Innerhalb eines anhaltenden Übungsprozesses durchläuft der Praktizierende verschiedene Entwicklungsstufen:

1. Wai – Vorstellung
2. Yin – Ausführung
3. Yuk – Belebung
4. San – Ausdehnung
5. Lin – Lenkung

Auf der ersten Stufe muss der Praktizierende die Übungen bewusst ausführen. Er muss sich jede Übung bildlich vorstellen können. Vieles gilt es dabei zu beachten. Stimmt zum Beispiel die Gewichtsverteilung, werden die Bewegungspfade korrekt ausgeführt, fließt der Atem ohne Zwang und ununterbrochen? All das verlangt anfangs die komplette Konzentration und Aufmerksamkeit.

Nachdem die Bewegungen erlernt wurden, geht es in der zweiten Stufe darum, an der Ausführung zu arbeiten. Die Bewegungen sollen vervollkommnet und mehr und mehr unbewusst geübt werden. Auch der Sinn der Übung sollte nun in den Übungsprozess mit einbezogen werden.

In der dritten Stufe, der sogenannten Belebung, geht es darum, die Bewegungen von der bewussten Steuerung zu lösen, sie zu verinnerlichen und nicht mehr darüber nachzudenken, wie sie zu tun ist.

Ausdehnung betrifft die vierte Stufe im Entwicklungsprozess und damit die Verteilung des Qi im gesamten Körper. Auf dieser Stufe hat der Praktizierende eine optimale Regulierung des Qi erreicht. Es kann nun ungehindert durch den Körper zirkulieren.

Mit der letzten Stufe, der Lenkung, schafft es der Praktizierende, sein Qi willentlich und gezielt durch seinen Körper zu lenken.

Übung 10 – Der Tiger stürzt sich auf die Beute

Der Tiger steht in der chinesischen Mythologie für Mut, Entschlossenheit und Kraft. In früheren Zeiten galt der Tiger in China als Beschützer der Landwirtschaft. Der Grund dafür war, dass die Tiger die Wildschweine fraßen, die die Felder verwüsteten. Der Tiger ist, wie auch der Drache, ein Tier aus dem chinesischen Tierkreiszeichen. Das nächste Jahr des Tigers ist 2022.

Bei einigen Tigern ähneln die Fellzeichen am Kopf oder Hals manchmal den chinesischen Schriftzeichen für die Bezeichnung Großer Herrscher. Diese Tiger galten lange Zeit in China als heilige Tiere, denen eine große Ehre erwiesen werden musste.

Heutzutage ist der Tiger in China vermutlich ausgestorben. Eine Ursache dafür geht zurück auf Mao Zedong. Dieser erklärte den Tiger 1959 zum Feind des Menschen. Auch unseliger Glaube machte dem Tiger den Garaus – leider auch innerhalb der Traditionellen Chinesischen Medizin. So besteht heute noch der Irrtum, dass bestimmte Körperteile des Tigers eine heilende oder potenzsteigernde Wirkung haben. Bei aller Kenntnis über die TCM ist dies ein Gedanke, der an Schwachsinn und Dummheit nicht zu übertreffen ist und der dem Tiger weltweit Probleme beschert.

Im Gegensatz dazu bietet die Traditionelle Chinesische Medizin aber auch gesundheitliche Methoden, ganz ohne den Tiger zu dezimieren. So wirkt die zehnte Übung des Yi Jin Jing reinigend auf den Ren-Mai. Sie hilft, den Qi-Fluss auf den Yin-Meridianen zu regulieren. Dazu gehören Lungen-, Milz-Pankreas-, Herz-, Nieren-, Herzbeutel- und Leber-Meridian. In der Traditionellen Chinesischen Medizin geht man davon aus, dass die Regulierung der Yin-Meridiane dem sogenannten Ren Mai obliegt, auch Konzeptions- oder Diener-Meridian genannt. Dieser beginnt am Damm und verläuft auf der Vorderseite des Oberkörpers bis zur Unterlippe.

Zum besseren Verständnis sei hier kurz erklärt, dass die zwölf Hauptmeridiane in sechs Yin- und sechs Yang-Meridiane unterteilt sind. Zwei von acht Sondermeridianen, der bereits erwähnte Ren-Mai und der Du Mai, auch Gouverneurs- oder Lenker-Meridian genannt, regulieren diese.

Auf der körperlichen Seite verbessert diese Übung die Beweglichkeit der Hüfte und der Beine und kräftigt die dazugehörige Muskulatur.

Übung 11 – Sich zum Gruß tief verbeugen

Diese Übung ergänzt die vorangegangene dahingehend, dass sie den Du Mai-Meridian reinigt. Dieser verläuft auf der Körperrückseite parallel zum Ren Mai. Er reguliert die Yang-Meridiane. Dazu gehören Dickdarm-, Magen-, Dünndarm-, Blase-, Dreifacher Erwärmer- und Gallenblasen-Meridian.
Außerdem regt diese Übung die Zirkulation des Qi in allen Leitbahnen an, was zu einer allgemeinen Stabilisierung der Gesundheit führt.

Durch die spezifischen Bewegungen dieser Übung werden die unteren Teile der Rumpfmuskulatur (unterer Bauch und Rücken) trainiert.

Übung 12 – Mit dem Schwanz wedeln

In der Traditionellen Chinesischen Medizin betrachtet man Krankheit als ein Resultat eines unterbrochenen Qi-Flusses. Beispielsweise, wenn ein Meridian blockiert ist und damit ein Mangel an Qi besteht oder verbrauchtes Qi nicht ausgeleitet werden kann. Durch Qi Gung arbeitet man daran, dieses Problem aufzulösen oder schon vorab zu vermeiden.
Dabei hilft diese Übung insofern, als das sie die Zirkulation in allen Meridianen reguliert und anregt, in besonderem Maße im Du und Ren Mai-Meridian. Kombiniert mit den vorangegangenen Übungen, von denen ebenfalls einige die Meridiane reinigen, betreibt man eine erstklassige Gesundheitsvorsorge. Hinzu kommt, dass sie bei dauerhafter Übung den gesamten Körper lockert und so die völlige körperliche Entspannung unterstützt.

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