Qi Gung – der Schlüssel zum Kung Fu

Qi Gung oder auch Qigong ist eine der fünf Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und wird meist als Meditations- und Bewegungsübung zur Kultivierung von Körper und Geist definiert. Qi Gung ist darüber hinaus auch ein elementarer Bestandteil des traditionellen Kung Fu. Doch warum und auf welche Weise wirkt es auf das Training des Kung Fu? Eine Erklärung.

Die Ursprünge des Qi Gung reichen zurück bis in die Han-Dynastie (206 v. u. Zeit bis 220). Aus dieser Zeit liegen Seidenbilder vor, auf denen entsprechende Übungen abgebildet sind. Der Begriff Qi Gung wird erstmals in der Jin-Dynastie erwähnt. Offiziell wird er jedoch erst seit 1950 benutzt und wurde von dem Arzt Liu Guizhen eingeführt. Im Curriculum des traditionellen Kung Fu ist das Qi Gung fest verwurzelt und wirkt auf vielfältige Weise.

Entspannen von Körper und Geist

Wenn wir im Kung Fu und Qi Gung von Entspannung sprechen, beziehen wir das sowohl auf körperliche als auch auf mentale Zustände. Entspannung bezeichnet also einen körperlich und geistig spürbaren Zustand, der im deutlichen Gegensatz zur spürbaren Verspannung steht. In unserer Zeit ist ein deutlich höheres Verspannungspotenzial bei Menschen festzustellen. Deutlich wird das an den merklich gestiegenen Zahlen an typischen stressbedingten Erkrankungen wie zum Beispiel Hypertonie, Burnout und Rückenleiden.

Viele Übungen des Qi Gung zielen darauf ab, den Muskeltonus zu senken und der Muskulatur einen ausgiebigen Ruhezustand zu gewähren. Muskelverkürzungen werden reguliert und die betroffenen Muskeln werden wieder in ihren Ursprungszustand zurückgeführt. Durch andauerndes Üben entwickelt der Schüler die Fähigkeit, seinen Körper bewusst wahrzunehmen und Verspannungen zu erkennen, denen er dann entgegenwirken kann.
Übertragen auf das Kung Fu bedeutet das, dass die Schüler lernen, wie sie ihren Körper optimal einsetzen und das physische Potenzial voll ausschöpfen können.

Doch Verspannungen sind nicht allein körperlichen Ursprungs, sondern werden auch durch kognitive Prozesse ausgelöst. Mit anderen Worten: Verspannung beginnt im Kopf, also im Denken. Hier kommt eine weitere Komponente des Qi Gung zum Einsatz, es bildet sich ein ruhiger Geist aus (kantonesisch: San, mandarin: Shen). Dieser sorgt für Klarheit im Denken und emotionale Ausgeglichenheit. Der Fokus wird auf das Hier und Jetzt gelenkt.

Dieser ruhige Geist ist im Kampf ein unschätzbarer Vorteil, da es dadurch gelingt, eigene Emotionen zu kontrollieren. Hass oder Angst sind keine guten Berater in einer extremen Stresssituation und führen sehr schnell zur Katastrophe.

Struktur

Die Körperstruktur ist einer der vier Bausteine des Fu Lung Pai und damit ein wesentlicher Bestandteil seiner Effizienz. Besonders für Schüler des Kung Fu ist neben der Entspannung die Körperstruktur wichtig. Eine optimale Körperstruktur ist die grundsätzliche Voraussetzung, um kraftvoll und gleichzeitig dynamisch und flexibel zu kämpfen.
Unter Körperstruktur verstehen wir, dass der Körper optimal an die natürlichen Gegebenheiten, wie zum Beispiel der Schwerkraft ausgerichtet ist. Verschiebt sich die Körperstruktur kommt es unter anderem zu einer flachen Atmung, einer Einschränkung der Beweglichkeit und zu Störungen im Muskeltonus.

Wir sprechen im Zusammenhang mit der Körperstruktur von den im Fu Lung Pai sogenannten sechs Punkten. Diese sind von unten nach oben betrachtet die Fußgelenke, die Knie, die Oberschenkel, die Hüfte, der Rücken und der Nacken. Diese Punkte müssen so zueinander ausgerichtet sein, um eine optimale Struktur zu gewährleisten. Durch die Qi Gung-Übungen arbeitet man präzise an diesen Punkten und reguliert dadurch automatisch die Körperstruktur.

Atmung

Im Fu Lung Pai ist es das Ziel, durch das Training Stärke (Ging) zu erlangen.
Ging ist die Kraft, die aus dem Zusammenspiel der äußeren und inneren Bewegung entsteht. Die äußere Bewegung muss entspannt sein und aus dem Körperzentrum geführt werden.

In der TCM geht man davon aus, dass bei der korrekten Atmung der Körper und der Geist integriert sind und so die grundlegende Voraussetzung für den Einsatz des Qi in den Bewegungen geschaffen wird. Daher ist im Qi Gung die Atmung ein zentraler Bestandteil der Übungen, unabhängig davon, ob es sich um eine äußere, also körperliche oder innere und damit mentale Übung handelt. Die Schüler lernen zuerst die bewusste Atemführung in den Übungen, um sie später im Kampf intuitiv einzusetzen.

Zentriertheit

Mit Zentriertheit ist die Fähigkeit gemeint, unter Stress bei sich zu bleiben, im eigenen Zentrum oder in der eigenen Mitte. Im Qi Gung ist dies von Beginn an in allen Übungen enthalten. Anfangs können die ungewohnten Bewegungen anstrengend und fordernd sein. Viele Schüler lassen sich schnell von der eigentlichen Übung ablenken und ihren Geist zerstreuen. Die Aufmerksamkeit fließt dann in die schmerzenden Glieder, oder es drückt plötzlich die Blase und der Schüler gibt diesem Drang ohne Aufschub nach. All das sind Zeichen, dass der Schüler nicht in seiner Mitte verweilt.

Bei den Kung Fu-Übungen merkt man es beispielsweise daran, dass die Aufmerksamkeit auf die Arme des Partners gelegt wird, anstatt auf das Ziel und die Übung zum, wie wir sagen, Armschach verkommt. Wäre der Schüler zentriert und auf das Ziel fokussiert, spielten die Arme des Partners keine Rolle.

Zentriertheit bedeutet auch die Kontrolle über die eigenen Gedanken und Emotionen zu behalten. Sieg oder Niederlage spielen keine Rolle, nur das Hier und Jetzt, also die aktuelle Situation ist wichtig.

Fazit

Qi Gung für sich allein ist ein hervorragendes Entspannungs- und Gesundheitssystem und es spricht absolut nichts dagegen, es als dieses zu praktizieren. Traditionelles Kung Fu allerdings ist ein ganzheitliches System, welches körperliche und mentale Komponenten gleichberechtigt enthält und deshalb ohne das Praktizieren von Qi Gung niemals in seiner Vollständigkeit erfasst werden kann.

Man kann Qi Gung ohne Kung Fu lernen, aber nicht das Kung Fu ohne Qi Gung.

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