Mit dem Atem meditieren – Atemräume

von Carsten Fleckenstein*

Unabhängig von den Meditationsarten und -techniken nutzt man bei der Meditation häufig ein konzentrierendes Element. Wer meditiert, bedient sich meist der Atmung, um die Aufmerksamkeit, die Gegenwärtigkeit zu üben. Dabei gibt es verschiedene Regionen im Körper, die man nutzen kann, um den Atem zu beobachten.

Einatmen, ausatmen, wahrnehmen – ob es sich um die stille Meditation handelt, wie die Sitzmeditation – die in fast allen Kulturen zu finden ist – oder um bewegte Meditation wie das chinesische Qi Gung, die japanische Gehmeditation Kinhin oder das indische Kundalini, sie alle verwenden einen sogenannten Anker für die Aufmerksamkeit.

Während bei den bewegten Methoden die Bewegung und damit das körperliche Empfinden vorrangig als Anker dienen, bietet sich bei der stillen Meditation oft der Atem an. Schon alleine deshalb, weil er deutlich zu spüren ist. Man hat ihn ja auch immer dabei. Abgesehen von den gesundheitlichen Faktoren durch eine fließende und ruhige Atmung, die grundsätzlich auf Körper und Psyche einzahlen, lernt man auch, mit dem eigenen verflixten Ego umzugehen, das uns ständig unser inneres Ohr abkaut. Beispielsweise übt man das Loslassen oder die Akzeptanz des Wandels. Denn der Atem kommt und geht wie es ihm gefällt. Er ist da etwas eigen. Man kann ihn nur bedingt kontrollieren und wenn, dann nur kurz. Denn er pfeift auf das, was unser Ego will. Und wir sollten froh sein, dass er da ist. Denn wäre er es nicht, dann wären wir Tod 😉

Doch zurück zum Thema: Beim Meditieren lässt sich der Atem in verschiedenen Körperregionen beobachten, den sogenannten Atemräumen. Besonders Anfänger sollten damit zunächst experimentieren, um den für sich geeigneten Atemraum zu finden und darüber die eigene Meditationspraxis verfeinern. Ganz von alleine kristallisiert sich so der bevorzugte Atemraum heraus, auf den man sich dann festlegt. Unterscheiden kann man den oberen, mittleren und unteren Atemraum.

Oberer Atemraum

Der obere Atemraum betrifft die Stelle, wo der Luftstrom sozusagen seinen Anfang nimmt – im Kopf, genauer in der Nase und in der Verlängerung auch im Rachen. Hier lässt sich ein Luftstrom deutlich spüren, wenn durch das Einatmen kühle Luft hineinströmt und beim Ausatmen ein warmer auf Körpertemperatur gebrachter Luftstrom wieder ausgeatmet wird.

Mittlerer Atemraum

Diese Region betrifft den Brustbereich. Während man beim oberen Atemraum noch den direkten Luftstrom spürt, wird die Beobachtung in diesem Bereich körperlicher Man spürt, wie sich der Brustkorb, also die Rippen beim Einatmen weiten und beim Ausatmen wieder zusammenziehen. Die Beobachtung in diesem Atemraum ist aber etwas schwieriger. Denn die Bewegung des Brustkorbs ist subtiler. Es erfordert eine sensiblere Wahrnehmung, da sich bei ruhiger, unkontrollierter Atmung der Brustkorb nur wenig weitet und zusammenzieht.

Unterer Atemraum

Der Bauch ist der wohl am häufigsten verwendete und empfohlene Atemraum. Zu finden in allen Kulturen über alle Meditationstechniken hinweg. Ob nun die Rede ist von der Atmung in das chinesische Dantian, in das im japanischen Zen genannte Hara oder ob gesprochen wird von der in westlichen Gefilden schnöde genannten Bauch- oder Zwerchfellatmung. Sie alle orientieren sich am gleichen Grund, wie es auch Jon Kabat-Zinn, der Erfinder der Achtsamkeitspraxis Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) in seinem Buch Gesund durch Meditation schreibt: „Darum ist die Konzentration auf die Bauchatmung so wertvoll: Der Bauch ist buchstäblich das ‚Zentrum der Schwerkraft’ unseres Leibes, ein Zentrum das weit unterhalb der Turbulenzen unseres ‚Kopfes’ und des denkenden Geistes liegt. Das ist der Grund, warum wir uns von Anbeginn mit der Bauchatmung ‚anfreunden’, die letztlich nur das Medium ist, über die wir mit dem Gewahrsein selbst eine Verbindung schaffen.“

Durch das Ein- und Ausatmen lässt sich spürbar beobachten, wie sich die Bauchdecke hebt – und uns aussehen lässt als ob wir einen Ballon verschluckt hätten – und wieder senkt. Wie beim mittleren Atemraum, ist es ein körperliches Wahrnehmen und weniger das Fühlen des Luftstroms wie beim oberen Atemraum. Gleichwohl spürt man hier die Atmung deutlicher als im Brustbereich. Das macht eine Konzentration auf die Atmung einfacher.

Nur beobachten

Jetzt könnte man auf die Idee kommen, bewusst und kontrolliert in einen Raum zu atmen. Und schon wäre der Nutzen dahin. Denn das wäre kontraproduktiv. Mit welchem Atemraum man auch übt, bei jedem geht es stets um das Spüren und das Empfinden des frei fließenden Atems. Der Atem soll nicht bewusst gelenkt werden. Es soll auch nicht darüber nachgedacht oder geurteilt werden, wie der Atem geht ob das so in Ordnung ist oder anders besser wäre. Darum geht es alles nicht. Der Atem kommt, der Atem geht, wie er will, so lange er will. Das ist alles. Man beobachtet nur. So übt man Gewahrsein, Aufmerksamkeit und Gegenwärtigkeit. So übt man Meditation.

*Carsten Fleckenstein ist Assistenzlehrer für Fu Lung Pai, Qi Gung und Meditation.

Schreibe einen Kommentar