Kung Fu – nicht das, was man denkt

Sifu Werner Horn, Schuleiter der Kung Fu-Schule in Nürnberg, betreibt seit über 30 Jahren Kung Fu im Tiger- und Drachen-Stil, Fu Lung Pai genannt. Warum das Bild des Kung Fu in der öffentlichen Wahrnehmung auch nach Jahren nicht der Realität entspricht, welche Rolle Qi Gong dabei spielt und warum man dennoch sich anpassen muss, darüber spricht er mit einem seiner Schüler.

Schüler: Sifu, viele sind der vermeintlichen Ansicht, nach zwei oder drei Jahren des Trainings wird man Kung Fu schon beherrschen, stellen dann fest, dass es doch nicht so ist und geben enttäuscht auf. Woran liegt das Deiner Meinung nach?

Sifu: Kung Fu ist nicht das, was die meisten Menschen darüber zu wissen glauben. Verwunderlich ist das nicht, halbseriöse Anbieter oder Film, Fernsehen und auch Werbung tragen vielfach zu diesem Umstand bei. Darüber hinaus leben wir in einer relativ ungeduldigen Gesellschaft, in der es auf schnelle Erfolge ankommt. Das prägt die Leute und erzeugt ein Denken, das all das, was wir tun, zwar durch Leistung erreicht werden kann, die Zeiten dafür jedoch kurz sein müssen. Diese Philosophie widerspricht letztlich der traditionell östlichen Denkweise und damit auch dem Gedanken des Kung Fu. Denn das Lernen des Kung Fu ist stets ein körperlicher und mentaler Prozess, der andauert und auch nicht, wie im westlichen Sinne irgendwann abgeschlossen ist. Es ist ein lebenslanges Lernen, auch wenn man Lehrer oder Meister geworden ist.

Schüler: Dennoch gibt es den Zeitpunkt, da man Lehrer oder Meister wird. Warum dauert eine Kung Fu-Ausbildung so lange, teilweise mehr als zehn Jahre?

Sifu: Nun, vieles, was man im Kung Fu übt, ist auf den ersten Blick gar nicht verständlich. Nur weil man zum Beispiel eine Form läuft, weiß man noch lange nicht, was darin alles enthalten ist und wie man es nutzen kann. Das hängt zum Teil mit den historischen Gegebenheiten in China zusammen. Die Meister haben ihr Wissen Fremden gegenüber sozusagen verschlüsselt, zur eigenen Sicherheit, es war eine gefährlichere Zeit als heute. Und vieles ist auch nicht einfach so erklärbar, das muss der Schüler selbst körperlich und mental erfahren.

Betreibt man Kung Fu wirklich ernsthaft, entdeckt man diese Aspekte mit zunehmender Erfahrung. Man sieht bereits Erlerntes aus neuen, anderen Blickwinkeln. Das ist wichtig, weil es wiederum notwendige Erkenntnisse bietet, die es überhaupt erst ermöglichen, weiter lernen zu können. Das alles braucht viel Zeit.

Schüler: Kannst Du das an einem Beispiel konkretisieren?

Sifu: Sicher. Also, im Fu Lung Pai arbeiten wir von außen nach innen. Das bedeutet, zu Beginn stehen körperliche, also äußere Übungen im Vordergrund. Die Schüler müssen lernen, ihre Körper überhaupt erst mal richtig wahrzunehmen und sie müssen eine gesunde Körperstruktur entwickeln. Diese Struktur ist notwendig, da sie die Grundlage für weitere wichtige Eigenschaften des Fu Lung Pai ist, beispielsweise die Vorwärtsenergie. Zu diesem Zeitpunkt sind die Bewegungen noch teilweise sehr verkrampft, weit, ausholend und geprägt von Kraft. Im Laufe der Ausbildung entwickelt sich dann eine körperliche Entspannung. Der Körpereinsatz verändert sich weg von der reinen Muskelkraft hin zu einer Ganzkörperkraft, wie wir sie nennen, also einem harmonischen und koordinierten Zusammenwirken des gesamten Körpers. Damit beginnen die Bewegungen kleiner zu werden, ohne an Effektivität zu verlieren. Ab einem weiteren Zeitpunkt beginnt der Schüler zu verstehen, dass nicht Techniken das wichtige Merkmal eines Stils sind, sondern Prinzipien.

Schüler: Das sind doch aber weiterhin äußere Arbeiten, was hat das mit dem Inneren oder mit dem Mentalen zu tun?

Sifu: Diese körperliche Entspannung kommt nicht einfach davon, weil der Schüler den Körper plötzlich gewollt entspannt. Das ist nicht die Ursache, sondern die Wirkung, die erstmal unbewusst also innerlich passiert. Diese Wirkung tritt irgendwann ins Bewusstsein und der Schüler erkennt, dass eine mentale Ausgeglichenheit notwendig ist. Das ist sozusagen ein mentaler Prozess vom Unbewussten zum Bewussten, der sich auch in alltägliches Verhalten überträgt. Ein Prozess, den man auch nicht forcieren kann.

Schüler: Also so etwas wie ein Charakterwandel, bedingt durch körperliches Arbeiten und dann auf mentaler Ebene erst unbewusste und später bewusste Selbstreflektion?

Sifu: Mitunter ja, es treten mehr und mehr philosophische Aspekte in den Fokus. Der Schüler erkennt, dass Kung Fu eben nicht nur etwas mit Kämpfen zu tun hat, sondern dass es eine Lebenseinstellung ist. Zu diesem Zeitpunkt spielt Zeit auch keine Rolle mehr. Man entdeckt selbst in Anfängerübungen immer wieder neue Sichtweisen und deshalb übt man sie auch noch als Lehrer oder Meister. Das ist der Grund, warum eine Kung Fu Ausbildung so lange dauert, um auf Deine ursprüngliche Frage zurückzukommen. Kung Fu wird zu einem persönlichen Lebensweg mit dem Ziel, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Schüler: In welchem Bezug dazu steht das Qi Gung, was ja bei vielen doch eher das Image eines Gymnastik-Kurses für ältere Leute hat?

Sifu: Wie ich eben beschrieben habe, geht Kung Fu über das rein körperliche hinaus. In einem traditionellen Stil sind viele Elemente der Traditionellen Chinesischen Medizin enthalten und ein besonders wichtiger Baustein ist das Qi Gung. Qi Gung kann man als Energie-Übung übersetzen, auch wenn dieser Begriff dem Ganzen nicht wirklich gerecht wird. Doch ein Aspekt im Fu Lung Pai ist eben die Energie. Damit meine ich jetzt nicht die Lebensenergie Qi, sondern eine besondere interne Kraft, die sich am besten als Energieform beschreiben lässt. Wir haben beispielsweise die Schockkraft oder auch die Explosivkraft. Beide entwickeln sich durch das andauernde und regelmäßige Training des Qi Gung. Daher Unterstützt es die Entwicklung des Schülers auf seinem Weg.

Schüler: Auch im mentalen Sinne?

Sifu: Sicher. Auch da sowieso leistet Qi Gung für das Kung Fu noch deutlich mehr: Es unterstützt grundsätzlich die Gesundheit, fördert auch die sowohl körperliche als auch die mentale Entspannung. Das Qi Gung-Training entwickelt ein intensives Körperempfinden. Dieses Empfinden wiederum schlägt sich im Fortschritt des Kung Fu nieder, da die Schüler lernen, ihren Körper optimal zu nutzen. Letztlich kann man zwar den gesundheitlichen Aspekte des Qi Gung ohne Kung Fu nutzen, will man Kung Fu jedoch in seiner Ganzheit erfahren, ist dies ohne Qi Gung nicht möglich.

Schüler: Das hört sich alles sehr nach einem kompletten Konzept an. Wenn man sich also mit dem Kung Fu verteidigen kann und sich mental auch weiterentwickelt, warum gibt es dann noch ein separates Programm für Selbstverteidigung?

Sifu: Kung Fu ist, das zeigen meine bisherigen Antworten, sehr umfangreich. Aus eigener langjähriger Erfahrung weiß ich, dass Kung Fu, richtig trainiert und unterrichtet, sehr wohl der Selbstverteidigung dient. Bei aller Liebe zum Kung Fu, muss man aber auch sehen, dass wir in einer anderen Zeit leben und uns den Gegebenheiten anpassen müssen.

Damit kommen wir wieder zum Anfang des Gesprächs: Die wenigsten haben aufgrund ihrer Lebensweise und ihrer westlich geprägten Sozialisation die Zeit, Geduld oder Disziplin, sich auf einen solch langen Weg zu begeben. Dennoch möchten Sie zumindest körperlich sicher sein und sich im Ernstfall verteidigen können. Die Bewegungen und Prinzipien, die wir in unserem speziellen Selbstschutzprogramm üben und unterrichten, sind daher einhundert Prozent Kung Fu. Hinzu kommen noch viele moderne Erkenntnisse wie z. B. die Handlungsfähigkeit unter Stress oder einfach auch nur die Berücksichtigung des Notwehrparagraphen, aber eben auch nur das.
Für alle, die an reinem Selbstschutz interessiert sind, bieten wir dieses Programm an. Für alle, die sich darüber hinaus entwickeln wollen, haben wir das traditionelle Kung Fu.

Schüler: Danke, Sifu, für das Gespräch

Das Interview führte Carsten Fleckenstein

4 Gedanken zu „Kung Fu – nicht das, was man denkt“

  1. In wie weit ist es sinnvoll, jemandem nur die Selbstverteidigung nahe zu bringen, wenn er charakterlich nicht geeignet ist, sei es, weil er keinen Kampfgeist hat oder keinen entwickelt oder, schlimmer noch, das gelernte nur anwenden will, weil er auf Krawall aus ist?

    1. Das sind gute Fragen.
      Der nötige Kampfgeist kann durch das Training entwickelt werden. Bei den Teilnehmern/innen, die keinen Kampfgeist entwickeln,
      wird sich bald Unlust einstellen und sie werden das Training beenden.
      Letzteres kann man dadurch ausschließen, dass man sich die Teilnehmer/innen genau anschaut. Man bekommt da nach einiger Zeit
      einen Blick dafür und gegebenenfalls vom Training ausschließt. Unser Unterricht enthält jedoch auch moralische Elemente und
      besteht nicht aus Übungen zum „scharf machen“.

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