Nicht vorschnell urteilen

Für unsere Vorfahren in der Steinzeit war es überlebensnotwendig, ein Urteil aufgrund einer gefährlichen Situation schnell zu fällen und dementsprechend zu handeln. Konfrontiert mit einem Raubtier oder einem feindlichen Stamm, und für das Leben bestand höchste Gefahr. Für das Denken blieb nicht viel Zeit. Was damals wichtig war für das Überleben, führt heute vermehrt zu unnötigem Leid. Achtsamkeit kann hier helfen.

Raubtiere und feindliche Stämme gibt es heutzutage eher weniger – zumindest in mitteleuropäischen Gefilden. Dennoch urteilen wir genauso schnell wie unsere Vorfahren. Der Schutzmechanismus, der dem Steinzeitjäger das Überleben sicherte, ist auch heute nach wie vor aktiv. Das Problem dabei ist, dass das schnelle Urteilen zu Leid führt. Entweder bei uns oder bei unseren Mitmenschen.

So wusste schon der römische Kaiser und Philosoph Mark Aurel:

„Wo kein Urteil ist, da ist kein Schmerz.“

Mark Aurel Säule in Rom

Urteile sind dennoch wichtig, keine Frage. Das Problem dabei ist, dass das Urteilen weitere Erkenntnisse der Wirklichkeit unterbindet und zum voreiligen Handeln führt. Fehlt dem Bewusstsein nach der Wahrnehmung der Zwischenschritt des Denkens und geht es zu schnell zum Urteilen über, führt der nächste Schritt des Handelns aufgrund mangelnder Kenntnis über die Wirklichkeit der Situation zu Leid; für uns, für unsere Mitmenschen oder auch für beide.

Achtsamkeit verhindert vorschnelles Urteil

Ist es also überhaupt möglich, das Urteilen abzustellen? Nein, aber darum geht es auch nicht. Es geht um das richtige Maß. Man kann es beeinflussen und lernen zu kontrollieren – indem man Achtsamkeit übt. Dabei geht es darum, den eigenen Gedanken und der Umwelt zu jedem Augenblick absichtsfrei gewahr zu sein. Indem wir uns bemühen im Jetzt zu sein, fällt es uns leichter, Menschen, Situationen und Dinge urteilsfreier zu betrachten.

In meinem Coaching arbeite ich oft mit Fragen, um festgefahrene Sichtweisen auf spezifische Situationen aufzulösen. Diese Methode kann jeder für sich selbst versuchen.

Ein Beispiel: Wenn wir uns dabei ertappen, also des Moments gewahr werden, dass wir über einen Menschen negativ urteilen, haben wir den ersten Schritt in Richtung Achtsamkeit getan. Im zweiten Schritt besteht jetzt die Möglichkeit uns zu fragen, was genau wir an dieser Person ablehnen – wir denken. Wir können uns fragen, ob es beispielsweise eine Verhaltensweise ist, die wir bei uns selbst feststellen aber ablehnen. Genauso gut kann es auch andersherum sein: Die abgelehnte Person stellt etwas dar, was wir auch gerne wären. Zuletzt können wir die Antwort suchen auf die Frage, was wir konkret von dieser Person lernen können. Erst mit der Antwort können wir ein vernünftiges Urteil bilden und handeln.

Es gibt weitere Methoden, um vorschnelle Urteile zu vermeiden, doch eine der besten ist, an der eigenen Achtsamkeit zu arbeiten.

Schreibe einen Kommentar